Ich habe ganz vergessen, eine Geschichte zu erzählen. Eine schöne sogar! Dann jetzt aber mal schnell:


10 Uhr morgens auf dem Weg zur Arbeit. Mal wieder getrödelt, deswegen fährt die angepeilte Bahn vor der Nase weg. Mist! Auf dem Bahnsteig nur ein Penner in ganz klassischem Style auf einer der Bänke (Da auf dem Bild ganz verschwommen im Hintergrund zu erahnen. Allerdings ohne Penner, weil ich das Bild geklaut habe) herum: Geschätzt Mitte 40, ungewaschene Vokuhila, Stonewashed-Kombo, dazu ein schickes AC/DC-Shirt. In der Hand eine fast leere Pulle Billigfusel, Gesichtszüge entgleist und irgendwie weggetreten.

Eigentlich ein ganz normaler Morgen in einer Stadt wie Hamburg. Doch nachdem sich der Bahnsteig ein wenig mit Wartenden gefüllt hat, fängt der Herr auf einmal an, sich zu regen. Nach ersten schwer verwirrten Blicken in die Runde ein Räuspern. “Oh, Gott! Das kann ja heiter werden” denken meine Mitgefangenen und ich. Und dann geht es auch schon los:

“Arbeit. Is doch eh alles scheiße.”

Da spricht er wahr. Und vielleicht sogar aus Erfahrung.

“Hitler! Der hat das richtig gemacht.”

Oh, welch urplötzlicher Themensprung. Der Führer war ein fauler Drückeberger, der die Arbeit abgelehnt hat? So nach dem Motto “Ich werde ein ganz fieser Diktator, dann muss ich bestimmt nicht mehr zur Arbeit gehen”? Die Geschichtsbücher müssen neu geschrieben werden. Ob dieser These neugierig gemacht bilden einige der Wartenden einen Halbkreis um den Penner.

“Der hat die Juden für sich arbeiten lassen.”

Achsoooo. Zwangsarbeit. Ja, jetzt verstehe ich den Zusammenhang. Bisher noch zögernde Zuhörer treten dem Halbkreis bei. Ob aus Interesse am Thema oder Ekel, man weiß es nicht. Man steckt nicht drin. Ich bleibe lieber weiter abseits und stelle mich lesend. Von seinem immer größer werdenden Zuschauerkreis beflügelt, setzt der Penner erneut an:

“Und dann hat er sie alle vergast.”

Schade. War das schon die ganze Geschichte? Da muss er noch etwas üben. So wird das nix mit der eigenen Fernsehsendung. Dennoch natürlich genug Futter, um die Gedanken kreisen zu lassen. Was möchte uns der Verlotterte damit nur sagen? Hätte der Führer die Juden nicht vergast und würde sie heute noch für unser aller Wohl schuften lassen, wäre die Welt besser und wir Zuhörer könnten uns ein paar Pullen Schluck holen und seinem Philosophie-Zirkel beitreten? Sind wir die Juden der heutigen Zeit und unsere Chefs die neuen Hitlers? Und wir merken das nur nicht, weil Oberlippenbärte out sind? Oder gehören Leute, die arbeiten gehen, generell vergast?

Stille tritt ein. Die Zuhörer gucken verdutzt. Der Penner scheint sich in seiner Brandrede verzettelt zu haben und sucht nach den passenden Worten. Kurz scheint es, als würde er diese nicht finden können und stattdessen die Flucht ins gemütlich Alkoholkoma anzutreten. Doch dann ist er wieder voll da. Er hat die Lösung gefunden. Mit großer, leicht überschießender Geste setzt er zum finalen Akt an:

“Ihr seid doch eh alles dumme Arschlöcher!”

Ein kurzer Blick auf sein Publikum verrät: Stimmt! Unter den dummen Arschlöchern macht sich Irritation breit. Ein paar Halbstarke scheinen mit dem Gedanken zu spielen, dem Penner was auf den Koffer zu hauen. Leider bleibt keine Zeit, das Gesagte weiter zu reflektieren, da die Bahn einfährt. Vorlesung vorbei, die Leute steigen ein. Auf zur Arbeit.

PS: Trägt Kalle Rumenigge eigentlich mittlerweile die alten Perücken von Beckenbauer auf?